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ROY PRÄGERDIE WENDE

Wie ich die Wende erlebte

Fall der Mauer am 8.11.89 Am Abend des 9. November 1989 saß ich mit Kumpels im Fernsehraum der Kinder- und Jugendsportschule Brandenburg. Obwohl es verboten war, guckten wir Westfernsehen. Wir glaubten kaum, was wir da sahen: Die Mauer war auf! Tausende von Menschen strömten zum Brandenburger Tor in Berlin, es war der Wahnsinn.Einer der für uns zuständigen Erzieher kam rein und versuchte uns zu erklären, was da abging. Richtig begriffen haben wir es an diesem Abend noch nicht.

Die Wende - für mich hatte das, was sich da entwickelte, eine ganz besondere Bedeutung. Denn um weiter Fußball spielen zu können, hatte ich mich schon zwei Jahre vorher verpflichtet, nach meiner Ausbildung der NVA beizutreten. Drei Jahre Militär-Dienst, und das ausgerechnet auch noch bei den Grenztruppen - so sah damals meine Perspektive aus. Ich glaube, ich hätte damals fast alles mitgemacht, um weiter spielen zu dürfen.

Die Geschichte mit der NVA hätte bedeutet, dass ich für Dynamo Fürstenwalde spielen könnte, einem der NVA-Ableger in der 2. Liga, sozusagen der kleine Bruder von Dynamo Berlin.

Auch die Stasi hatte ihre Finger nach mir ausgestreckt. Als ich noch in die zehnte Klasse der KJS ging, musste ich mit ein paar Mitspielern ins Brandenburger Stasi-Büro. Da saß dann so ein Dicker von der Staatssicherheit und redete auf uns ein. Wie wir denn zur DDR stehen, wollte der wissen, und noch lauter so blöde Fragen. Man muss sich unsere Situation vorstellen:.Wir waren 16, und für uns konnte es nur darum gehen, uns mit dem System irgendwie zu arrangieren. Schließlich wollte ich weiter Fußball spielen, wollte vielleicht meinen Führerschein machen. Das ging zum Beispiel bei der "Gesellschaft für Sport und Technik", die zur NVA gehörte.

Weil wir damals noch zu jung waren, um der Stasi dienlich sein zu können, gingen wir aus dem Büro wieder raus, ohne was unterschreiben zu müssen. Aber uns war schon klar, dass die Stasi-Leute irgendwann mal irgendwas von uns verlangen werden. Vielleicht Spitzeldienste, was weiß ich.

Im Nachhinein ist es für mich dann optimal gelaufen. Ich konnte weiter Fußball spielen, konnte für läppische 300 Ost-Mark meinen Führerschein machen - sogar den für LKW. Und ehe es mit dem Militärdienst Ernst wurde, hatte sich die Sache erledigt. So, wie es sich etwas später auch mit der DDR erledigt hatte.

Als Fußballer haben wir besonders von der Wende profitiert. Auch wenn wir damals noch Nachwuchs-Kicker waren, verdienten wir schon ganz ordentlich. Wir bekamen zum Beispiel „Trainingsgeld“, dafür gab es eine eigene Bewertungsskala, auf der unsere Trainer Punkte verteilen konnten. Darum konnten wir uns auch mit unseren Ost-Mark schon ‘ne Menge der Westprodukte leisten, die es ab 1989 auch bei uns zu kaufen darf. Valensina-Orangensaft zum Beispiel, Warsteiner-Bier, Fünf-Minuten-Terrinen oder verschiedene Duschgels. Heute hört sich das alles nach Kleinigkeiten an - aber wir haben uns damals ein ganz klein wenig wie die Made im Speck fühlen dürfen.

Und nicht zuletzt eröffnete die Wende uns auch ganz neue Perspektiven für unsere Karriere. Mit Stahl Brandenburg stiegen wir sensationell in die 2. Bundesliga auf. 1992 flatterte dann das Angebot von Fortuna Köln auf den Tisch. Auch der FC St. Pauli und damals auch schon der VfL Wolfsburg sollen Interesse gehabt haben. Köln wurde als erster Verein konkret - und bei der Chance, im Westen spielen zu können, musste ich nicht lange überlegen.

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